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03.12.2010 Kategorie: Musik, Gemeindeleben

Die Konzentration auf das Wesentliche wirkt wohltuend

Worin liegt die Besonderheit nächtlicher Musik, fragt sich der Bonner Kantor Stefan Horz

Dieser Moment, wenn die Emporentür klickt, Schritte verhallen und schließlich die schwere Kirchentür ins Schloss fällt, ist für jeden Organisten etwas ganz Besonderes. Allein zu sein mit einem Instrument, dessen Bekanntschaft er gerade macht, allein mit der Dunkelheit, aufmerksam und neugierig auf den ersten Ton. Nachtstunden in fremden Kirchen, auch der eigenen, sind aufregend. Warum? Worin liegt die Besonderheit einer nächtlichen Musik? Wirkt die Nacht beruhigend auf uns, die Konzentration auf das Wesentliche wohltuend - oder ist uns die Dunkelheit vielleicht manchmal unheimlich? Nachtmusiken sind bis heute sehr beliebt, wie die Vielzahl der Nightmusic-CDs auf dem Markt belegen. Die Gattung des Nocturne führt die Nacht im Namen: nocturnus ist lateinisch für: nächtlich.
Im 18. Jahrhundert bezeichnete man so unterhaltsame Kompositionen, die gerne bei Nacht unter freiem Himmel aufgeführt wurden: als Huldigung oder Ständchen in Parks oder Innenhöfen vor allem in Böhmen und Südeuropa. „Ich habe geschwind ein Nacht Musique machen müssen", schreibt Mozart 1782 entschuldigend an den Vater, der längst auf andere Partituren gewartet hatte. Die „Kleine Nachtmusik" ist heute eines der beliebtesten Musikwerke überhaupt, wenn sie uns auch nicht sehr nächtlich anmutet, sondern vielmehr - unterhaltsam.
Mögen uns Huldigungsmusiken unter freiem Himmel tatsächlich etwas „böhmisch" vorkommen, so steht uns die Nachtsymbolik der Romantik schon näher. „Die Nacht weckt eigenthümliche Gefühle und gibt Allem einen sentimentalen Ton, indem die Außenwelt, im Dunkel geborgen oder vom Dämmerlicht erhellt, die Phantasie nicht unmittelbar in Anspruch nimmt, sondern das Gemüth vorwalten lässt, und so sich alle Bethätigung der Seele nach Innen wendet", lesen wir in einer „Aesthetik der Tonkunst" aus dem Jahr 1841.
Auch der Jazz kennt diese eigenartige Stimmung „round midnight", wenn alle Gigs zu Ende gespielt sind und der Rauch zwischen hochgestellten Stühlen steht. Hinter der abgeklärten Melancholie dieses Standards von Thelonius Monk versteckt sich das alte Feeling des Blues: Die Angst jedes Menschen vor Einsamkeit und Verlassenheit: „Memories always start ‘round midnight".
In den Wochen vor Weihnachten mit ihren länger werdenden Nächten sind Einsamkeit und schmerzliche Erinnerungen für viele Menschen traurige Realität. Aber auch die Weihnachtsnacht ist voller Musik und die wunderbaren Lieder in unserem Gesangbuch variieren das Thema dieser „Nachtmusik" auf zuversichtliche und tröstliche Weise: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern", singen wir im Adventslied von Jochen Klepper. Ob es schließlich das Leuchten um die Hirten ist, die hellen Lieder der Engel, die Todesnacht, die von Christus, der Sonne überwunden wird, das schöne Morgenlicht, dessen Anbruch so herbeigesehnt wird - kaum ein Weihnachtslied, das nicht vom Sieg des Lichts über die Finsternis kündet: „Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß; mit seinem hellen Scheine vertreibt's die Finsternis" (Es ist ein Ros entsprungen). Stefan Horz ist Organist an der Bonner Kreuzkirche am Kaiserplatz Seine zehn schönsten Nachtmusiken 1. „In Darkness Let Me Dwell" von John Dowland Sting/Edin Karamasov oder Dorothee Mields/Hille Perl           Anhören (Beispiel Ellen Argis) 2. „See, Even Night Herself Is Here! " von Henry Purcell, aus „The Fairy Queen", 1692 London Classical Players, Roger Norrington Anhören (Norma Burrowes) 3. „Mondnacht" von Robert Schumann/Joseph von Eichendorff Fischer-Dieskau/Gerald Moore, Mozarteum Salzburg, 1959 Anhören (Es singt P.Schreier) 4. „Nocturne Es-Dur op. 55, 2" von Frederic Chopin Vladimir Horowitz, The Last Recording, New York, 1989 Anhören Amir Kazt 5. „O sink hernieder, Nacht der Liebe" aus Richard Wagner: „Tristan und Isolde" Peter Hofmann, Hildegard Behrens, Leonard Bernstein, Symphonie-Orchester des Bayrischen Rundfunks, 1981 6. „Clair de lune "von Claude Debussy Tamás Vásáry 7. „Die Nacht" von Richard Strauss/Hermann von Gilm Jessye Norman/Geoffrey Parsons, 1985 8. „Round Midnight" von Thelonius Monk Miles Davis, 1956 oder Bud Powell, 1961 9. „Night and the City" Charlie Haden/Kenny Barron, 1996 10. „One Quiet Night" Pat Metheny, Solo Baritone Guitar, 2003 (Protestant/gbr)
Beitrag von OnlineRedaktion