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05.12.2010 Kategorie: Gemeindeleben

„Stille Nacht, heilige Nacht“- nicht nur zur Weihnachtszeit

Von Menschen, die arbeiten, wenn andere schlafen - Teil 2

Wenn das Leben aufhört, sich zu drehen
Auch ohne viele Worte ist klar, dass etwas Schreckliches passiert sein muss, wenn jemand nachts anruft, weiß Notfallseelsorger Albrecht Roebke
Als Notfallseelsorger kommt mir die Nacht bei meiner „Arbeit" sehr entgegen. Dies liegt an mehren Umständen: Zunächst einmal hat man in der Nacht mehr Zeit für den Einsatz. Man kommt schneller zum Ziel, die Straßen sind leer. An den Unfallstellen gibt es weniger Schaulustige. Auf den Polizeiwachen haben die Beamten nachts mehr Zeit, sodass man sich in Ruhe absprechen kann, wenn es zum Beispiel heißt, eine Todesnachricht zu überbringen. Diese Ruhe ist mir wichtig, auch um mich selbst auf den Einsatz „mental" vorzubereiten. Wir als Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger begleiten die Menschen in Extremsituationen: Wenn der geliebte Mensch tödlich verunglückt ist, wenn der Mann sich das Leben genommen hat, dann bleibt für die meisten Menschen erst einmal die Welt stehen. Wie Hohn wirkt es für die Betroffenen, wenn direkt neben ihnen das „normale" Leben weitergeht, Menschen Brötchen kaufen, sich Nachbarn streiten, ein Kind keine Hausaufgaben machen will. In der Nacht gibt es wenig „normales" Leben, alles ist ruhiger - und da ist es etwas leichter zu ertragen, wenn die Welt plötzlich aufhört sich zu drehen.
Und auch hier hat die Nacht ganz praktische Vorteile für die Betroffenen: zum Beispiel sind die Kinder im Bett, man kann sich selber erst einmal sammeln und überlegen, wann und wie man die schreckliche Nachricht den Kindern überbringt. Alle Menschen, die man erreichen möchte, sind meistens zu Hause, und es ist auch ohne Worte klar, dass etwas Schreckliches passiert sein muss, wenn jemand mitten in der Nacht anruft.
„Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten" heißt es in einem Lied aus den Siebzigern. Auch das habe ich erlebt, dass nach dem Schock der Nacht das erste einfallende Licht des Tages, das Morgenrot am Ende der Nacht, eine ganz zarte Knospe der Hoffnung geben kann, dass das Leben trotz aller Dunkelheit weitergeht, weitergehen muss. Und weitergehen kann, wie es auch immer sein wird.
Und zu guter Letzt mag ich ganz persönlich die Nacht; denn meine Kinder sind zu Hause. Wenn ich nach dem Einsatz nach Hause komme, dann schleiche ich mich an ihre Betten und höre auf ihren ruhigen Atem, spüre ihre Wärme. Und dann begreife ich, welch große Gnade Gott mir schenkt, dass meine Kinder leben und atmen, und dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Wunder, an dem wir Mensch mitten in dieser Welt teilhaben dürfen. Und das ist der Moment in der Nacht, in dem ich demütig, dankbar und glücklich bin. Und mich der kommende Tag, mit all seinen Sorgen, allem Streit, all dem Stress, den der Alttag mit sich bringt, nicht mehr ängstigt. Albrecht Roebke ist Pfarrer an einem Bonner Berufskolleg und nebenamtlich evangelischer Koordinator der ökumenischen Notfallseelsorge Bonn/Rhein-Sieg  
Beitrag von Online-Redaktion