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19.12.2010 Kategorie: Gemeindeleben

„Wir machen die Nacht zum Tag“

Interview mit Karla Domning Pastorin und Diplom-Psychologin

Der Rhythmus von Tag und Nacht ist wichtig, betont Pastorin Karla Domning
Nachtveranstaltungen werden auch bei der Kirche immer beliebter. Was ist das Besondere an dieser Tageszeit?
Die Nacht hat eine andere Qualität als der Tag. Während unser Tagesbewusstsein sich mit der Realität, mit Freuden und Mühen des Alltags beschäftigt, stellen wir uns in der Nacht Fragen nach dem Sinn von dem, was wir tun. Die Nacht öffnet die eigene Seele. Sie lässt uns reflektieren, sie bietet Raum für Träume, Wünsche, Fragen und Probleme. Insofern suchen die Menschen bei Abendveranstaltungen Besinnung und nach Antworten auf ihre Lebensfragen.
Welche Bedeutung hat die Nacht für die Psyche des Menschen?
Als Seelsorgerin spreche ich lieber von der Seele. Die Seele ist für mich mit dem Göttlichen verbunden und die Psyche ein Teil der Seele. Es geht um die Öffnung für das Göttliche in uns selbst, um den Weg durch unsere Dunkelheiten, hin zum Licht. Durch eigene Schatten und Ängste hindurch begeben wir uns auf die Suche nach Gottes Liebe. Unsere Seele sucht diese Liebe und will mit ihr eins werden.
Was können Menschen durch das Eintauchen in die Dunkelheit der Nacht erfahren?
Im Rhythmus von Tag und Nacht gibt es immer wieder die Möglichkeit zu Neugeburt und Wandlung. In früheren Zeiten, ohne elektrisches Licht, war dieser Prozess viel stärker als heute an jedem Morgen für uns Menschen
erfahrbar. Die aufgehende Sonne symbolisiert die Wiedergeburt des Tages und die Wandlung der Nacht zum Tag. Unsere Welt hat sich sehr verändert, wir machen die Nacht zum Tag: rund um die Uhr Beleuchtung und Arbeit, statt auszuruhen und die Nacht zu erleben. Die meisten Menschen leben heute ständig im Tagesbewusstsein und verdrängen die mit der Nacht verbundenen Gefühle wie Angst und Schmerz. Aber zum Menschsein gehören unsere Gefühle dazu. Wenn wir bereit sind, alle unsere Gefühle zu leben, kann sich Verzweiflung in größte Freude verwandeln. Wenn wir uns diesen inneren Prozessen stellen, erfahren wir immer wieder Wandlung und Neugeburt.
Welche Bedeutung hat die Nacht im Christentum?

Die wichtigsten Ereignisse Christi, wo er mit Gott ganz verbunden war, geschahen in der Nacht: sowohl Christi Geburt als auch die Geschehnisse in der Osternacht. In der Heiligen Nacht leben uns die Hirten auf dem Felde vor, ganz offen zu sein für Gottes Botschaft. Diese Öffnung für das Unerwartete, es wahrzunehmen und danach zu handeln, ist ganz zentral: Die Hirten sehen das Licht, verstehen es mit ihrem Herzen und machen sich auf, das Kind zu suchen. Auch auf dem Kreuzigungsweg hat uns Christus vorgemacht, wie wir Gott näher kommen können: durch die Bereitschaft, große Ängste, Verzweiflung und auch Gottverlassenheit zu durchleben und auszuhalten. Trotz schrecklicher Erfahrungen vertrauen, sich hingeben und offen sein - dann zeigt sich am Ende wieder das Licht.
Welche Funktion hat das Beten zur Nacht?
Das Abendgebet hilft, den Tag zu verabschieden. Wir bedenken den Tag, was geglückt ist, was Sorgen bereitet und wofür wir danken. So wird unser Leben bewusster und reicher. Gleichzeitig macht beten frei und unbesorgt, denn wir legen jeden Tag in Gottes Hand.
Brauchen Menschen Gute-Nacht-Geschichten?
Kinder brauchen auf jeden Fall Gute-Nacht-Geschichten, denn viele haben Angst vor der Dunkelheit. Die Geschichten geben ihnen Ruhe und lassen sie leichter einschlafen. In den Erzählungen wird schon etwas von der Traumwelt der Nacht vorweggenommen, sie sind daher eine gute Brücke vom Tag zur Nacht. Früher haben sich auch erwachsene Menschen abends Geschichten und Märchen erzählt. So wurde der Alltag besser bewältigt und
verstanden. Viele Erwachsene lesen vor dem Einschlafen und erzählen sich somit selbst Gute-Nacht-Geschichten. Aber vielleicht versuchen Sie mal in ihrer Familie oder mit Freunden am Abend etwas vorzulesen oder zu erzählen, die Adventszeit eignet sich besonders gut dafür. (gbr/Protestant) Karla Domning ist Pastorin und Diplom-Psychologin und arbeitet als Seelsorgerin an der Rhein-Klinik in Bad Honnef.  
Beitrag von Online-Redaktion