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29.11.2010 Kategorie: Gemeindeleben

„Stille Nacht, heilige Nacht“- nicht nur zur Weihnachtszeit

Von Menschen, die arbeiten, wenn andere schlafen - Teil 1

„Tut mir leid, dass wir Sie wecken müssen"
Der Krankenhausseelsorger Gunnar Horn ist auch nachts für die Menschen auf der Intensivstation da.
Etwas unsanft weckt mich der Klingelton meines Handys. Es ist kurz vor drei Uhr in der Nacht. Die Intensivstation unseres Krankenhauses meldet sich. „Tut mir leid, dass wir Sie in der Nacht wecken, aber wir brauchen Sie." Es folgt die Erklärung, dass Frau S., die wir schon so lange betreut haben, nun doch gestorben ist. Die Angehörigen, Ehemann und Tochter, sind da und wären dankbar, wenn ich komme.
Auf der Intensivstation empfängt mich ein befreundeter Krankenpfleger. „Unsere Ärztin, Frau Dr. H. ist auch gerade bei den Angehörigen, du weißt ja von deinen Besuchen, in welchem Zimmer Frau S. liegt. Ich komme auch mal mit." Frau S. liegt aufgebahrt im Zimmer, Tochter und Ehemann sind dabei, dazu Frau Dr. H. Alles wirkt friedlich: Der vertraute Gesichtsausdruck der Verstorbenen, die Atmosphäre im Zimmer. Trotz aller Apparate, trotz aller Technik ist es den Pflegekräften gelungen, einen würdigen Rahmen zu schaffen. Wir lassen uns Zeit. Irgendwann schlage ich vor, eine kleine Andacht zu halten mit Bibellese und Gebet. Ich habe den Psalm 90 schon aufgeschlagen, da sagt Frau Dr. H: „Ach, lassen Sie mich doch lesen. Das ist mir wichtig. Wir alle mochten Frau S., und wir hätten ihr so gerne geholfen." Der Krankenpfleger hat inzwischen die kleine Osterkerze entzündet. Später erzählen mir die Angehörigen aus dem Leben von Mutter und Ehefrau. Frau Dr. H. und der Krankenpfleger sind inzwischen gegangen.
Auch ich verabschiede mich und werfe noch einen Blick in die Stationsküche. Frau Dr. H. sitzt dort ganz entspannt bei einer Tasse Kaffee. „Was in der Nacht doch manchmal alles möglich ist. Ich meine, mit so viel Zeit und so viel Ruhe, und dass wir alle dabei sein konnten bei der Verabschiedung." Ich setze mich dazu. Doch schon nach den ersten Worten geht ihr Funk. „Tut mir leid, ich muss in den OP, aber manchmal ist nachts doch wirklich eine Menge möglich."
Auf meinem Nachhauseweg wird es schon langsam hell. Es wird ein schöner Tag werden. „Frau Dr. H. hat recht", denke ich, „schon schade, dass Manches am Tag so viel schwieriger ist." (gbr/Protestant) Gunnar Horn ist Pfarrer an den Evangelischen Kliniken Bonn  
Beitrag von Online-Redaktion